Beiträge von Cruiser

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Feiertag?

    Wie gesagt: Dieses Auto kauft man mit den Augen - nicht mit dem Verstand. Ich hatte vorher ein Chrysler PT-Cruiser Cabrio 2,4 l Limited. Das war auch so ein Fahrzeug, dass man wegen des Retro-Looks mochte oder auch nicht. Der PT-Cruiser war Kult und die Leute schauten und lächelten. Der Lancia Flavia zieht auch Blicke auf sich - allerdings einer anderen Art, nämlich eher begehrliche, sprich eher neidische. Das ist nicht immer lustig und mit Sicherheit anders als bei dem Understatement-EOS.
    Ich werde den Wagen mindestens 6 Jahre fahren (so wie den PT Cruiser). Dann habe ich ein Alter erreicht, in welchem ein handlicher wendiger Kleinwagen mit Schiebedach besser passt. Abgesehen davon wird FIAT dann den Lancia Flavia entweder nur noch in den USA verkaufen oder gründlich europäisiert haben.


    Ausgibige Probefahrt wäre übrigens auch meine Empfehlung. Ich konnte den Wagen mehrere Stunden ohne Kilometerbegrenzung testen und habe ihn dann anschließend gleich gekauft.


    Gruß aus Norddeutschland!

    12 Monate Lancia Flavia- 18.000 Km – Erfahrungsbericht
    Den Lancia Flavia kauft man wegen der Emotionen, die er weckt, weil er einem –häufig auf den ersten Blick– gefällt, grundsätzliche Diskussionen über das Design sind also müßig. Wissen muss man, dass Schönheit auch ihren Preis hat. Insbesondere bei Regen bekommt man das zu spüren. Der Wasserablauf bei Einstieg und an der Kofferraumklappe ließe sich sicherlich verbessern – eine Denksportaufgabe für die Konstrukteure. Die riesige Frontscheibe sorgt nicht unbedingt für gute Sicht. Ihre flache Ausrichtung sorgt vielmehr dafür (natürlich abhängig von der Körpergröße), dass man sich an der hohen deutschen Ampel eher den Hals verrenkt, denn entspannt auf grün wartet.


    Verarbeitung: (1) Verkleidung im Fußraum vor dem Beifahrersitz bei Auslieferung unbefestigt. (2) Türen (insbesondere rechts) nicht präzise ausgerichtet - wird nachgebessert. Wer hat da bei der Endabnahme seine Brille vergessen? (3) Eine gewisse Toleranz des Käufers wird vorausgesetzt, z.B.: Kofferraumverkleidung linksseitig gut, rechts mit sehr viel Luft. (4) „Überflüssige“ Kunststoffteile liegen unter dem Styroporeinsatz im Kofferraum. Die gehören in den offensichtlich nicht vorhandenen Werksmülleimer in Michigan. (5) Billig-Kunststoffverkleidung beim Tankeinfüllstutzen könnte direkt aus China kommen - wird dem Eigen-Anspruch des Autos nicht gerecht: Sitzt nicht, wackelt und hat Luft. (6) Rechtes Fenster quietscht beim Öffnen und Schließen gotterbärmlich, insbesondere bei Feuchtigkeit: Werkstatt ist hilflos. (7) Lackfehler ab Werk: Herausquellende Dichtungsmasse am Blinker hinten einfach überlackiert – wird beseitigt und nachlackiert. (8.) Lancia-Emblem „pockennarbig“ – wird ausgetauscht. (9) Das Kunststoffarmaturenbrett ist dem rauhen norddeutschen Sommer nicht gewachsen und verwirft sich – wird ausgetauscht. (10) Leuchtweitenregulierung des rechten Scheinwerfers ist defekt, Scheinwerfer wird komplett getauscht. (11) Hinteres Fenster hat einen aufgeklebten Rahmen, der sich wellt (Fehler schon bekannt beim Sebring, dem Vorgängermodell. Tausch des Fensters ist sinnlos, da der Fehler im nächsten Sommer erneut auftreten wird -sagt der Händler). (12) Radio-Stationenanzeige zeigt zeitweise alles Mögliche an, nur nicht die Sender (Der Hersteller prüft, sagt der Meister). (13) Original-Lancia-Winterkompletträder wurden "ab Werk" mit den falschen (amerikanischen) Reifenluftdrucksensoren ausgeliefert. Wurden getauscht.


    Abgesehen von diesen Mängeln kann ich dem Flavia schlampige Verarbeitung nicht vorwerfen.


    Kraftstoffverbrauch: Die Prospektangaben können nur als unverbindlich annähernde Werte genommen werden. Im gemischten Verkehr Autobahn/Bundesstraße/Landstraße mit der einen oder anderen Ortsdurchfahrt werden 9 L/100km bei wirklich sehr defensiver Fahrweise nicht überschritten. Im Stadtverkehr schnellt der Verbrauch allerdings unverzüglich rapide nach oben. Insgesamt für europäische Verhältnisse ein eindeutig unzeitgemäß hoher Kraftstoffverbrauch. Definitiv kein Auto für den Großstadtverkehr.


    Handling: Wenn man sich vor Augen hält, dass man schließlich ein knapp zehn Quadratmeter großes deutsches Kinderzimmer (von der Grundfläche her gesehen) spazieren fährt, ist hier jeder Einwand relativ. Wendekreis: nicht optimal für die Großstadt, ebenso die Sicht. Bei einer Breite von 204 cm (über die Spiegel) sind die älteren deutschen Parkhäuser ein enormes Problem. Ich persönlich parke eigentlich immer platzsparend, in solchen Parkhäusern beanspruche ich nach Möglichkeit jedoch 2 Plätze. Das hat den Vorteil, dass ich aussteigen kann, aber auch mein Park-Nachbar. Manchmal lässt es sich nicht vermeiden, dass man engere Parklücken benutzen muss und die „Nachbarn“ beim Öffnen der Türen Dellen (leider nie Visitenkarten) hinterlassen, entsprechende Spuren lassen sich schon jetzt nach 1 Jahr feststellen, ärgerlich und letztendlich auch teuer.


    Übersichtlichkeit: Die fehlenden Parkassistenzsysteme sind bei einem Fahrzeug dieser Kategorie absolut unverzeihlich. Die große Fronscheibe reflektiert (je nach Lichteinfall unterschiedlich stark), die Karosserie vorne links und rechts ist nur zu „erahnen“ und lädt zu Fehleinschätzungen ein. Nach hinten ist der Fahrer praktisch völlig blind. Hier kann man nur empfehlen, als Anfänger häufiger mal auszusteigen und zu schauen – zumindest sollte man die Fenster geöffnet halten, damit man den Aufprall hört.


    Komfort: Sehr ordentliche Sitze, gute Einstellmöglichkeiten. Auch hinten reichlich Platz für 2 Erwachsene. Ansonsten: Im Kontrast zu den werthaltigen Ledersitzen leider doch ehrlicherweise eher pragmatisch billig, denn werthaltig wirkendes Plastik und Kunstlederimitat. Innen stilistisch unentschieden: Glänzend silbriger Retro-Chrom hier und da – andererseits modern matt Silber. Sollten tatsächlich die hinteren Sitze mit 2 Personen besetzt werden, deren Schuhgröße 43 überschreitet, wird das notwendige elektrische Vor- und Zurückfahren der Vordersitze zum ultimativen Geduldstest. Türen müssen bei geschlossenen Fenstern mit „Schmackes“ geschlossen werden, desgleichen der Kofferraumdeckel. Wenn man dann wenigstens ein „sattes“ Ins-Schloss-Fallen vernehmen würde, dann könnte man das ja akzeptieren, aber so wird man eher an den blechernen Opel Kadett der siebziger Jahre erinnert. Make-Up-Spiegel leider unbeleuchtet. Kein Tagesfahrlicht.
    Das elektrisch betriebene (flatterige) Softtop ist leider nur im Stand (mit viel Geduld) zu betätigen, die Rotphasen an der Ampel reichen hierfür im allgemeinen nicht aus.


    Motor: Definitiv der falsche Motor. Verglichen mit dem 2,4-Chrysler-PT-Cruiser-Cabrio ist der Motor viel sparsamer, aber auch sehr viel behäbiger. Das passt absolut nicht zum Erscheinungsbild des Wagens. Alle Testberichte, die dieses kritisch anmerken, haben Recht. Selbst die Reaktionszeit des Tempomats ist ein Rückschritt in die automobile Steinzeit gegenüber dem o.g. Chrysler-Modell. Wer –so wie ich– gemütlich in der Norddeutschen Ebene cruisen will, der ist gut bedient. Jeder der von einem vergleichbaren deutschen Modell zu dem Flavia wechseln will und ihn in den Kasseler Bergen testet, wird über die Probefahrt nicht hinauskommen.


    Preis-Leistung: Der im Allgemeinen als günstig eingestufte Anschaffungspreis liegt immer noch weit weit weit über dem Preis für den fast baugleichen Chrysler in den USA. Das bei der Anschaffung Gesparte, sollte man investieren in Unterbodenschutz, Hohlraumversiegelung und Einparkassistenzsystem. Der Rest wird sowieso durch sehr teure Ersatzteile, vergleichsweise häufige und teure Inspektionen, den relativ hohen Kraftstoffverbrauch, durch höhere Versicherungsbeiträge und Steuern aufgesogen. „Günstig“ ist also wieder ein relativer Begriff.


    Inspektionen: Alle 12.000 km. Kosten der 1. Inspektion: Euro 372,13. Enthaltenes Material: Öl: 117,13 – Filter: 25,21 – Innenraumfilter: 36,82 – Stopfen: 7,46 – Ölfilter: 20.33 – Kleinmaterial: 7,53 – Arbeit: 157,64 – Ich denke mir: Kein Kommentar nötig.


    Fazit: Die entscheidenden Fragen sind: Was will ich? Was erwarte ich? Wer ein schönes Auto will, die Testberichte gelesen hat und automobiltechnisch nicht zu viel erwartet, wird mit dem Flavia hoch zufrieden sein und sie lieben. Voraussetzung ist, dass man das eine oder andere verzeiht, also viel Langmut mitbringt. Italienisches Temperament passt nicht zu diesem italienischen Auto. Wenn man will, liefert der Wagen ausreichend Anlass zum berechtigten Nörgeln, Meckern oder zu einem geradezu vernichtenden Urteil. Der Flavia ist kein Exot, der Flavia ist vielmehr eine Rarität auf unseren Straßen und wird das auch bleiben. Fiat wird wahrscheinlich nichts dagegen tun, dass sich dieses ändert. In diesem Sinne sollte sich jeder Besitzer an seinem Lancia-Flavia erfreuen und zwar so wie er nun einmal ist.